Der wenig verdichtete ländliche Raum ist sogar wenig attraktiv für Menschen, die gerne auf dem Land leben oder wegen der hohen Immobilienpreise in der Stadt auf dem Land siedeln würden. Junge Leute verlassen die Dörfer. Das liegt zum Teil an der mangelnden Infrastruktur für das Internet und des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Es gibt Bestrebungen, diesen Mangel zu beheben. Im Bereich der Verkehrsanbindung werden bedarfsorientierte Angebote wie Anrufsammeltaxis oder Bürgerbusse geprobt bzw. gefördert. Doch diese und ähnliche Angebote zeigen z.T. nicht die erforderliche Resonanz bei denen, die auf dem Land siedeln wollen. Sie machen eher den Eindruck der Abwicklung des ländlichen Raumes als eines politischen Engagements für ihn. Dass es auch anders geht, zeigen die nach wie vor wachsenden Einwohnerzahlen entlang von Bahnstrecken, die einen attraktiven SPNV anbieten. Es geht also um einen verlässlichen ÖPNV, der nicht kurzfristig wieder eingestellt werden kann.

Zunehmend wird erkannt, dass die Reaktivierung von Bahnstrecken auch ein sozialpsychologisches Thema ist. Im ländlichen Raum geht durch die Entleerung der Dörfer ein Stück Heimat verloren, weil man sich verlassen fühlt. Politiker verschiedener Parteien machen darauf aufmerksam. Als Beispiel ist hier ein Ausschnitt einer Rede von Sigmar Gabriel dokumentiert, die er am 17. März 2017 in Berlin gehalten hat. Auch der Bundespräsident hat sich in seiner Rede zur deutschen Einheit am 3. Oktober dazu geäußert.

Am 19. Juni 2017 fand ein Fachgespräch im Niedersächsischen Landtag zum Thema Standardisierte Bewertung statt, zu dem Susanne Menge, verkehrspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, eingeladen hatte. Diese ist ein Hauptproblem für die Reaktivierung von Bahnstrecken im ländlich wenig verdichteten Raum.

Referenten waren:
Prof. Dr. Volker Stölting (TU Köln)
Matthias Kurzeck (Verkehrsclub Deutschland, VCD-Bundesvorstand)
Michael Frömming (Geschäftsführer ZVSN)
Dr. Wolfgang Konukiewitz (Nahverkehrsbündnis Nds.)
Susanne Menge (Grüne MdL, verkehrspolitische Sprecherin)

In der Diskussion war man sich einig, dass es ein neues Verfahren zur Ermittlung von Nutzen und Kosten von Reaktivierungsvorhaben im ländlichen Raum geben muss, da für die Finanzierung dieser Projekte Rechtsicherheit unerlässlich ist. Dazu solle eine parlamentarische Arbeitsgruppe zusammen mit Wissenschaftlern eingerichtet werden. Diese solle auch mit entsprechenden Bestrebungen in anderen Bundesländern Kontakte aufnehmen.

Für dieses Vorhaben gibt es einen Spielraum, da nicht für alle Maßnahmen eine Standardisierte Bewertung vorgeschrieben ist:
„Aus der Bewertung von Kosten und Nutzen ergibt sich ein sog. Kosten-Nutzen-Indikator, der für eine Zuschussfähigkeit des betreffenden Projektes nach dem GVFG maßgeblich ist. Zwingend durchzuführen ist das Standardisierte Bewertungsverfahren für alle Vorhaben nach § 2 Abs. 1 Nr. 2, deren Investitionen 25 Millionen Euro überschreiten. Für eine Beurteilung von Vorhaben mit einem Volumen von weniger als 25 Millionen Euro reicht auch ein vereinfachtes Bewertungsverfahren aus.“ (Finanzielle Förderung des Bundes für kommunale Verkehrsprojekte im Rahmen des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz- Bundesprogramms, Sept. 2016)

Das Wirtschaftsministerium in Hessen will offenbar jetzt schon das Verfahren verändern.